Deniz Undav dreht als Joker das Spiel gegen die Elfenbeinküste und ist Deutschlands bisheriger Mann der WM. Dabei ist er der ungewöhnlichste Spieler im Kader – und bald Stammspieler?
Toronto, kurz nach einer Stunde. Deutschland liegt gegen die Elfenbeinküste 0:1 zurück, das Spiel will nicht laufen, und Julian Nagelsmann wechselt. Unter den eingewechselten Spielern ist Deniz Undav. Er macht das 1:1, und als alle schon mit einem Unentschieden rechnen, in der vierten Minute der Nachspielzeit, das 2:1. Zwei Tore, Man of the Match, Deutschland im Sechzehntelfinale. Nagelsmann nennt ihn hinterher einen „brutalen Finisher“.
Schon im Spiel davor, beim 7:1 gegen Curaçao, war Undav von der Bank gekommen und hatte getroffen und zwei weitere Tore aufgelegt. Bei dieser WM ist das seine Rolle: der Joker, der die wichtigen Tore macht.
Warum Deniz Undav der ungewöhnlichste Spieler im DFB-Kader ist
Auffällig an Undav ist, wie wenig Aufhebens er um sich macht. Viele Profis seiner Generation arbeiten an ihrer eigenen Marke und überlegen genau, wie sie nach außen wirken. Undav fällt dadurch auf, dass er das nicht tut und sich nicht verstellt. Er hatte lange Zeit keinen Instagram-Account; heute postet er dort Sportliches und hält Privates zurück.
Am schönsten lässt sich das an einer Plastiktüte erzählen. Zur Nationalmannschaft brachte Undav seine Schuhe schon mal in einer simplen Plastiktüte mit, ob von DM, Aldi oder Edeka, war ihm egal. Bei früheren Treffen tat es sogar ein Müllbeutel. Während andere mit Designer-Taschen anreisen, zählte für ihn nur, dass die Schuhe Platz hatten.
Auf Luxus verzichtet er deshalb nicht. Undav liebt schnelle Autos und auffällige, er hört harten Rap, und als seine Vorliebe für Luxus zum Thema wurde, reagierte er knapp: Was er privat mache, sei doch seine Sache. Bodenständig und trotzdem auf den Geschmack von Luxus gekommen, beides geht bei ihm zusammen, und für keines davon entschuldigt er sich.
Selbst sein Torjubel hat bei ihm eine Geschichte. Nach Treffern spannt Undav regelmäßig die Muskeln an wie ein Boxer, inspiriert vom Song „Champion“ des Rappers Luciano, den er seit seiner Zeit in Meppen hört. Kein einstudierter Werbejubel, sondern das, worauf er gerade Lust hat.
Vom Maschinenführer in der Regionalliga zum WM-Spieler des DFB
Dass er überhaupt hier steht, bei einer Weltmeisterschaft, im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, hätte vor ein paar Jahren niemand für möglich gehalten. Bei Werder Bremen wurde er als Jugendlicher aussortiert, zu klein für den Sprung in den Profibereich. Das Geld war knapp, also machte Undav eine Lehre zum Maschinenführer, um seine Eltern nicht zu belasten, und spielte nebenher in der Regionalliga. Es gab eine Zeit, in der er ans Aufhören dachte.
Stattdessen kamen der SV Meppen in der dritten Liga, dann Belgien, wo er bei Union Saint-Gilloise zum Torschützenkönig wurde, dann England und Brighton, und schließlich der VfB Stuttgart. Dort wurde aus dem Spätzünder ein Torjäger. In der abgelaufenen Saison traf er 19 Mal in der Bundesliga, das war Platz zwei der Torschützenliste hinter Harry Kane und der beste Wert eines deutschen Spielers. Mit 27 debütierte er in der Nationalmannschaft, spät für einen Stürmer, aber inzwischen ist er aus dem DFB-Team nicht mehr wegzudenken.
Jetzt steht er also bei der WM, und die Frage, die Nagelsmann selbst aufgeworfen hat, hängt im Raum: Reicht es bald für die Startelf? Undav dürfte sie gelassen aufnehmen. Er hat einen weiten Weg hinter sich und musste sich dabei nie verstellen.


































































