
Als Julian Brandt mit seinem Bruder Jannis zum Treffen kommt, haben beide schon eine kurze Fahrradfahrt hinter sich – wie man es in Amsterdam eben so macht. Über den Backsteinhäusern im Süden der Stadt steht die Oktobersonne, der Himmel ist wolkenlos. In der Sonne ist es angenehm warm, im Schatten schon herbstlich kühl. Kaiserwetter, würde man sagen.
Mit dem Kaffee zum Mitnehmen in der Hand bleiben sie noch kurz vor dem Café stehen. Das Gespräch kommt schnell auf Amsterdam, auf das Lebensgefühl in den Niederlanden und darauf, was hier anders ist als in Deutschland. Es bleibt nicht beim Smalltalk. Julian und Jannis schauen über den Tellerrand und gehen bei den Themen, die sie beschäftigen, in die Tiefe. Anschließend führt der Weg an den Grachten entlang und durch einen Park.
Julian ist gut gelaunt, wirkt entspannt. Seit Ende Juli steht er bei Ajax unter Vertrag. Zuvor spielte er sieben Jahre für Borussia Dortmund; mit dem BVB einigte er sich darauf, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Für die Wahl seines nächsten Vereins nahm er sich bewusst Zeit. Er hätte auch zu anderen Klubs wechseln können, entschied sich aber für Ajax. Sportlich ist ihm der Start beim niederländischen Rekordmeister gelungen: Acht Pflichtspieltore hat er bislang erzielt. Eines davon wählten die Fans zum Tor des Monats September.
In Amsterdam lebt er erst seit wenigen Monaten. Er kennt die Stadt schon von früheren Besuchen; manche Straßen lernt er an diesem Nachmittag trotzdem zum ersten Mal kennen.
Brandt mag die Gelassenheit der Menschen in Amsterdam, das Grün zwischen den Häusern und die Kleidung auf den Straßen. Er hat den Eindruck, dass es hier weniger gestresst zugeht und sich selbst über das wechselnde Wetter niemand beschwert. Verallgemeinern will er das allerdings nicht: „Ich habe von Leuten vom Land auch schon gehört, dass die Stadt sie unfassbar stresst – das ist wohl immer ein bisschen Ansichtssache.“
Eine einzelne Ecke will er nicht herausheben. „Die ganze Stadt hat irgendwie etwas Ausgeglichenes, deshalb fühlt man sich überall wohl.“ Bei der Wahl seines neuen Klubs spielte auch das Leben außerhalb des Vereinsgeländes eine Rolle. „Der Verein hat natürlich Priorität, aber mir war wichtig, dass dahinter auch eine gewisse Lebensqualität steht.“
Was ihn lange in Deutschland hielt, waren vor allem die Menschen, die ihm nahestehen. „Ich glaube, ich war im Kopf einfach noch nicht so weit, dass ich ready war, mich im Ausland wohlzufühlen. Ich hatte eine starke Verbindung zur Familie, zu meinen Brüdern, zu meinen Freunden. Deshalb kam es später, als man vielleicht gedacht hätte.“ Ob er den Schritt früher hätte wagen sollen, kann er nicht sagen.
Die sieben Dortmunder Jahre möchte er jedenfalls nicht missen. „Dortmund war der Ort, an dem ich in meinem Leben am meisten gelernt habe.“ Kennengelernt hat er dort „super viele Top-Typen“: Mitarbeiter und Mitspieler, aber auch Dortmunder, die mit dem BVB beruflich nichts zu tun haben.
„Ich hatte dort alles: Zeiten, in denen alles lief, und Zeiten, in denen ich kritisiert wurde, ob zu Recht oder zu Unrecht. Wenn man da einmal durchgegangen ist, erdet einen das auf eine bestimmte Art und Weise.“
Im Juni 2025 sprach Brandt in einer Medienrunde über seine Rolle in der Mannschaft. Er habe versucht, dem Bild eines lauten, harten Führungsspielers zu entsprechen. „Am Ende muss ich aber sagen, es hat mir mehr geschadet, als dass es mir gutgetan hat.“ Seine Stärke sah er im guten Draht zu allen in der Mannschaft, „von jung bis alt“. Bei der Klub-WM trug er seinerzeit die Kapitänsbinde.
Von der direkten Art im Ruhrgebiet, sagt er rückblickend, habe er viel gelernt, auch wenn sie ihm zunächst fremd war. Er stammt aus dem Norden – aufgewachsen ist er in Bremen, nur wenige Fahrradminuten vom Weserstadion entfernt. Während seiner Zeit bei Bayer Leverkusen lernte er das Rheinland kennen, in Dortmund dann eine Region, in der man vom Malochen spricht. „Es gibt nicht die eine Sache, die hängen geblieben ist, aber vieles, das ich mitgenommen habe.“
Wenn er heute an einen neuen Ort kommt, interessiert ihn zuerst, wie die Menschen dort leben. „Es ist immer interessant, in ein Land zu kommen, sich ein bisschen anzupassen, zu schauen, was hier die Bräuche sind, und Dinge zu lernen, die einfach anders sind.“
Unterwegs fotografiert Jannis seinen Bruder. Dass Julian sich selbst für Foto- und Videografie interessiert, hat viel mit ihm zu tun. Jannis ist Fotograf und Creative Director; bei À CE SOIR arbeiten die Brüder zusammen.
Julian trägt eine dunkelbraune Beanie, eine graubraune Strickjacke mit Reißverschluss und darunter ein cremefarbenes Longsleeve. Dazu kombiniert er eine weite olivfarbene Hose, weiße Sneaker und eine Sonnenbrille mit bräunlich transparenter Fassung. „Das muss man mögen, definitiv. Aber ich mag es, wenn Kleidung locker fällt und nicht auf den Zentimeter genau am Körper sitzen muss, sondern auch mal ein bisschen schlabbern darf. Das fühlt sich einfach angenehm an.“
„Ich würde mich nicht als großen Fashionista bezeichnen.“ Er entdeckt etwas bei anderen Menschen, auf Bildern oder in einem Laden und nimmt es mit, wenn es ihm gefällt. „Ich habe keinen Crashkurs in Fashion gemacht.“ Vor zehn Jahren, sagt er, habe er komplett anders ausgesehen.
Am Anfang von À CE SOIR stand die Idee, Events und Partys zu veranstalten, „so ein Schnack, wie es halt ist“. Solche Abende gab es bereits in Köln, Berlin und Nürnberg, dazu kommt eine Reihe von DJ-Mixen. Darauf beschränken wollten die Brüder das Projekt aber nie.
„Für mich ist À CE SOIR ein Playground, auf dem Jannis und ich uns entfalten können“, sagt er. „Es ist ein Projekt, das Spaß macht und am Ende die schönen Seiten des Lebens verbinden soll: Freude und Emotion durch Musik, durch Kleidung, durch Leute, die sich an einem Sonntag um 14 Uhr beim Kaffee miteinander connecten.“
Das Sortiment reicht inzwischen von Shirts und Mützen bis zu Espressotassen und einer eigenen Kaffeemischung. „Ich finde es geil, wenn Gedanken zu einem Produkt werden, das du in der Hand hast oder visuell irgendwo sehen kannst.“
Ihn beschäftigt auch, wie sich die Ideen der Brüder vermitteln lassen. „Und durch Bildsprache und Videosprache gewisse Emotionen auszudrücken – das begeistert mich sehr.“ Wie andere darauf reagieren, interessiert ihn ebenfalls: „Nur weil ich etwas mag, heißt das nicht, dass mein Nachbar es auch gut finden muss.“
Die Arbeit daran führt ihn immer wieder auf unbekanntes Gebiet: „Es geht um Themen, bei denen ich selbst kein großer Experte bin, wo ich Erfahrungen sammle und vielleicht auch Dinge tue, die ich später anders machen würde.“
Ein einzelnes Vorbild nennt er nicht. Ihn interessieren Biografien von Künstlern, Politikern und historischen Figuren, ebenso Menschen, die nicht berühmt sind. „Ich schaue gern links und rechts, lasse mich gern belehren und mir etwas beibringen – aber ich schaue nicht zu sehr nur auf andere.“
Bei einem Pop-up möchte Julian die verschiedenen Seiten von À CE SOIR zusammenbringen. „Einfach ein kleiner Space für ein paar Stunden, wo Leute hinkommen, die Bock haben und entspannt sind.“
Musik ist für die Brüder ein Grund, mit anderen in Kontakt zu kommen: mit Menschen, die produzieren oder auflegen, singen oder Gitarre spielen. Für Julian ist Musik „ein ständiger Begleiter“: Sie läuft auf Kopfhörern, im Auto und auch dann, wenn er gerade nichts macht. Fünf Songs geben einen Einblick in das, was er derzeit hört.
Auch nach dem Training spricht Brandt über Fußball – wenn er mit Menschen zusammen ist, die sich dafür interessieren, oder wenn es gerade etwas zu besprechen gibt. Ist er allein, beschäftigt er sich wenig damit. Ganz aus seinem Feierabend verbannen will er das Thema aber nicht.
Wie weit der Beruf den übrigen Alltag prägt, hält er für eine persönliche Entscheidung. „Es gibt eine Fußball-Bubble. Aber ich bin der Meinung, dass jeder selbst bestimmt, wie viel davon er zulässt.“
Begegnungen mit Menschen, die damit wenig zu tun haben, findet er erfrischend, weil sie in seinem Alltag seltener sind. Daraus macht er allerdings keine grundsätzliche Vorliebe: „Jemand ist nicht angenehmer oder sympathischer, nur weil er weniger mit Fußball zu tun hat – und andersrum genauso.“ Seine Interessen außerhalb des Fußballs hätten seinen Blick auf den Beruf verändert? „Nein, eigentlich nicht.“
383 Bundesliga-Spiele, 82 Champions-League-Einsätze und 48 Länderspiele für Deutschland hat Brandt bereits hinter sich. „Ich will immer noch jedes Spiel gewinnen.“ Wenn er auf seine Dortmunder Jahre zurückblickt, zählen für ihn aber auch andere Dinge. Zwei weitere Titel hätten diese Zeit nicht besser gemacht, sagte er im Mai im Podcast des BVB, kurz vor seinem letzten Heimspiel.
Für die nächsten Jahre wünscht er sich, gesund zu bleiben, möglichst viele Spiele zu machen und den Sport so gut wie möglich genießen zu können.
Sechs, sieben oder acht Jahre könnten bis zum Karriereende noch vergehen, schätzt er. „Ich habe gar keine Lust, jetzt schon in der Zukunft zu leben und mir darüber Gedanken zu machen.“ Brandt kennt das Argument, man müsse sich früh mit der Zeit danach beschäftigen. „Aber ich finde, das wird dem, was man gerade hat, nicht gerecht. Man sollte das bis zur letzten Sekunde genießen.“ Wenn es vorbei sei, brauche er vielleicht Zeit, um über sich selbst nachzudenken. Dieser Zeitpunkt sei noch nicht gekommen.
„Ganz ehrlich: Ich lasse vieles auf mich zukommen. Es ist nicht so, dass ich sage, ich will die Welt bereisen oder unbedingt dies oder das machen. Ich gehe einfach der Nase nach und schaue, was es gibt.“
Was ihm mit 30 wichtiger geworden ist, kann Brandt dagegen benennen: „Gesundheit, Verlässlichkeit, Beständigkeit.“
Mit den Jahren denke man über manche Dinge anders nach, etwa über den Umgang miteinander.
„Für mich ist es wichtig, auf sich achtzugeben, sich selbst treu zu bleiben, auf sich aufzupassen und das zu tun, was einen glücklich macht – und sich nicht für jeden Scheiß zu verbiegen oder sich Dinge anzutun, auf die man keinen Bock hat. Wenn man das Gefühl hat, man ist fehl am Platz, dann ist es Zeit zu gehen.“
Credits
Text & digitales Storytelling: Adrian Kühnel
Fotografie: Jannis Brandt
Konzept, Produktion & Visuals: Marco Michalzik