Ein pinkes Outfit, ein provokanter Torjubel und eine Debatte über Demut: Lennart Karl sorgt beim FC Bayern auch abseits des Platzes für Diskussionen. Uli Hoeneß zieht Vergleiche mit Michael Olise und Bastian Schweinsteiger. Ein Plädoyer für Fußballer, die anecken dürfen.
Lennart Karl erobert den Ball gegen Robin Le Normand und lupft ihn über Atlético-Torhüter Jan Oblak ins Netz. Der 18-Jährige bringt den FC Bayern in Führung, lässt sich von seinen Mitspielern feiern und hält anschließend beide Hände neben die Ohren.

Seine Finger bewegen sich wie sprechende Münder. Eine Geste, die viele als Botschaft verstehen: Redet nur weiter.
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Ob Karl damit tatsächlich auf seine Kritiker reagieren wollte, hat er nicht erklärt. Gesprächsstoff liefert sein Jubel trotzdem. Und das ist gut so. Fußball lebt von Toren, Titeln und großen Spielen. Aber eben auch von Persönlichkeiten, die auffallen, Diskussionen auslösen und dem Sport über ihre Leistungen hinaus etwas geben. Nicht jeder muss einen provokanten Jubel mögen. Doch ein Fußball, in dem alle möglichst wenig anecken, wäre um einiges langweiliger.
Lennart Karl, Michael Olise und die Frage nach der Demut
Karl hat in den vergangenen Monaten erfahren, wie genau sein Auftreten beobachtet wird. Im Januar spricht er öffentlich von seinem Traum, eines Tages für Real Madrid zu spielen, und entschuldigt sich anschließend dafür. Im April verfolgt er das Champions-League-Viertelfinale gegen die Madrilenen verletzt von der Tribüne.

Nach dem 4:3 feiert er mit seinen Mannschaftskollegen. Sein Outfit ist komplett pink.
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Uli Hoeneß gefällt das nicht. Der Ehrenpräsident kritisiert im Mai bei DAZN Karls Auftreten und fordert, dass der junge Spieler die Menschen vor allem auf dem Platz begeistern müsse. Als Hoeneß auf Michael Olise angesprochen wird, der ebenfalls für seine auffällige Kleidung bekannt ist, antwortet er: „Ja, aber der ist ja auch schon Weltstar, da darf der das.“
Ein bemerkenswerter Maßstab. Olise hat sich beim FC Bayern etabliert, Karl steht erst am Anfang seiner Karriere. Dass beide sportlich unterschiedlich weit sind, steht außer Frage. Aber warum sollte davon abhängen, welche Kleidung sie tragen dürfen?

Olise kombiniert beim Oktoberfest eine hellblaue Chrome-Hearts-Mütze mit Lederhose und Janker.
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Karl trägt Pink. Beide zeigen auf ihre Weise, dass Fußballer auch abseits des Platzes einen eigenen Stil haben können.
Im Oktober fordert Hoeneß in der Welt am Sonntag von Karl mehr Demut. Ein nachvollziehbarer Anspruch, wenn es um den Umgang mit Mitspielern, die eigene Entwicklung oder die Bereitschaft geht, Kritik anzunehmen. Aber Demut lässt sich nicht an der Farbe eines Outfits ablesen. Und Individualität sollte kein Privileg sein, das sich ein Fußballer erst durch sportliche Erfolge verdienen muss.
Bastian Schweinsteiger kennt diese Diskussion
Dass der FC Bayern solche Debatten schon früher geführt hat, zeigt ausgerechnet ein Vergleich, den Hoeneß selbst gezogen hat.

Im Gespräch über Karl erinnert er an Bastian Schweinsteiger, der sich 2007 die Fingernägel schwarz lackierte. Nach Hoeneß’ heutiger Darstellung hätten Franz Beckenbauer und er damals eingegriffen.
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Schweinsteiger war damals 23 Jahre alt und trug silberfarbenes Haar. Im September 2007 erklärte er gegenüber Welt Online, der Nagellack sei das Ergebnis einer Wette gewesen. „Mir ist viel wichtiger, dass die Leute meine Leistung auf dem Platz beurteilen, statt sich darüber Gedanken zu machen, wie meine Haare liegen.“
Jeder solle selbst entscheiden dürfen, wie er sich kleide, wofür er sein Geld ausgebe und was er für ein Auto fahre, sagte Schweinsteiger damals. Schon früher habe sich Hoeneß an seiner Frisur gestört, einem Hahnenkamm. Heute ist Schweinsteiger vor allem als Weltmeister in Erinnerung, der im WM-Finale 2014 trotz einer Platzwunde im Gesicht weiterspielte. Doch auch sein auffälliger Stil gehörte zu seiner Persönlichkeit – und machte ihn als jungen Fußballer unverwechselbar.
Fast 20 Jahre später steht mit Karl wieder ein junger Bayern-Spieler im Mittelpunkt einer Debatte über sein Auftreten. Selbst das Auto spielt wieder eine Rolle: Fahre Karl nach überzeugenden Leistungen ein auffälliges Auto, sei das „eine andere Sache“, sagt Hoeneß bei DAZN, „aber das muss man nicht schon mit 18 machen“. Die Umstände sind nicht identisch. Doch die Frage ist ähnlich geblieben: Wie viel Eigenständigkeit gesteht man einem Fußballer zu, bevor sein Aussehen oder Verhalten zum Problem erklärt wird?
Lennart Karls Torjubel: Warum der Fußball solche Spieler braucht
Natürlich darf man Karl kritisieren. Mats Hummels etwa stört sich als Experte bei Amazon Prime Video an seinem Torjubel und verweist auf die Vorbildfunktion gegenüber Kindern. Eine nachvollziehbare Diskussion. Ein provokanter Jubel ist schließlich etwas anderes als ein pinkes Outfit.
Aber zwischen der Kritik an einer konkreten Geste und der Erwartung, ein junger Fußballer solle möglichst wenig auffallen, liegt ein entscheidender Unterschied.
Karls Jubel dauert nur wenige Sekunden. Trotzdem wird darüber diskutiert, was er damit ausdrücken wollte und ob die Geste angemessen war. Ein Tor bekommt dadurch eine zusätzliche Geschichte. Fans können sich darüber freuen, sich daran stören oder darüber streiten.
Karl wird Fehler machen, Kritik bekommen und sich sportlich weiterentwickeln müssen. Seine Persönlichkeit muss er deshalb nicht zurückstellen.
Sein Tor gegen Atlético macht den Jubel nicht automatisch richtig. Genauso wenig wäre sein pinkes Outfit falsch gewesen, wenn er anschließend kein einziges Tor mehr erzielt hätte.
Der Fußball braucht keine Spieler, die um jeden Preis provozieren. Aber er braucht Spieler, die auffallen dürfen, ohne sich dafür erst einen Weltstarstatus verdienen zu müssen.




















































