Deutschland - Niederlande Italien, Mailand, 24.06.1990, Fussball, FIFA WM 1990 in Italien, Achtefinale, DFB Deutschland - Niederlande (2:1): Rudi Völler (Deutschland) zeigt Juan Carlos Loustau (Schiedsrichter) an dass er von Frank Rijkaard (Niederlande) bespuckt wurde, dieser verwarnt ihn daraufhin mit der gelben Karte.Deutschland - Niederlande Italien, Mailand, 24.06.1990, Fussball, FIFA WM 1990 in Italien, Achtefinale, DFB Deutschland - Niederlande (2:1): Rudi Völler (Deutschland) zeigt Juan Carlos Loustau (Schiedsrichter) an dass er von Frank Rijkaard (Niederlande) bespuckt wurde, dieser verwarnt ihn daraufhin mit der gelben Karte.

Völler und Rijkaard: Von der Spuckattacke zum Butter-Werbespot

IMAGO / Sportfoto Rudel

Frank Rijkaards Spuckattacke gegen Rudi Völler gehört zu den berüchtigtsten Bildern der WM 1990. Doch was danach im Kabinengang geschah, blieb den Kameras verborgen. Es ist die Geschichte einer Eskalation – und einer ungewöhnlichen Versöhnung mit Butter und Bademänteln.

Es sind erst gut 20 Minuten im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion gespielt, als am 24. Juni 1990 der Fußball für einen Moment zur Nebensache wird. 74.559 Zuschauer erleben das WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und den Niederlanden – und einen Eklat, dessen Bilder bis heute geblieben sind.

Deutschland - Niederlande Italien, Mailand, 24.06.1990, Fussball, FIFA WM 1990 in Italien, Achtefinale, DFB Deutschland - Niederlande (2:1): v.l. Frank Rijkaard (Niederlande), Jürgen Klinsmann (Deutschland), Ronald Koeman (Niederlande), Rudi Völler (Deutschland).
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Frank Rijkaard foult Rudi Völler, sieht Gelb, läuft im Weitergehen an ihm vorbei – und spuckt ihm ins lockige Haar. Völler beschwert sich beim Schiedsrichter – und sieht ebenfalls Gelb.

Kurz darauf eskaliert die Situation erneut. Völler kommt dem niederländischen Torhüter Hans van Breukelen gefährlich nahe, kann ihm aber noch ausweichen. Rijkaard zieht Völler daraufhin an den Ohren. In der 22. Minute stellt Schiedsrichter Juan Carlos Loustau beide vom Platz. Doch damit ist die Szene noch nicht vorbei. Beim Verlassen des Platzes spuckt Rijkaard Völler erneut ins Haar.

Was im Kabinengang zwischen Völler und Rijkaard passierte

Nach eigener Erinnerung läuft Völler zur deutschen Kabine und wartet dort auf Rijkaard. Als der Niederländer hinter ihm auftaucht, stellt Völler ihn zur Rede. Es kommt zu einem Handgemenge, bis Betreuer und FIFA-Offizielle die beiden trennen.

Wie genau die Auseinandersetzung ablief, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Im Buch „Wir Helden von Rom“ erinnert sich Andreas Möller, Völler habe den Kollegen anschließend erzählt, er habe Rijkaard „eine gegeben“. Auch der damalige DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach berichtet dort von einem Schlag, kann aber nicht mehr sagen, ob Völler mit der flachen Hand oder der Faust zuschlug. Zudem spuckte Rijkaard Völler laut Niersbach im Kabinengang ein weiteres Mal an.

Auch Lothar Matthäus spricht später im Podcast „FUSSBALL MML“ davon – mit dem ausdrücklichen Hinweis, bei der Szene im Kabinengang selbst nicht dabei gewesen zu sein. Er gibt wieder, was er gehört habe: „Frank hat dort ein drittes Mal gespuckt und Rudi hat ihm eine in die Fresse gehauen.“

WM 1990 - Achtelfinale - Westdeutschland vs Niederlande WM 1990 in Italien, San Siro (Giuseppe Meazza) in Mailand, Achtelfinale: Westdeutschland vs Niederlande, 2:1. Die westdeutschen Spieler Lothar Matthäus (Nr. 10), Andreas Brehme (Nr. 3), dahinter Guido Buchwald (Nr. 6), Thomas Berthold (Nr 14), Klaus Augenthaler (Nr. 5) und Jürgen Klinsmann (Nr. 18), der das Trikot von Ruud Gullit trägt, jubeln auf dem Spielfeld. Mailand Italien Copyright: xUnitedxArchivesx xSvenxSimonxSportx SVS_95020001721
[mobile-motion:50% 50% 1 > 0% 50% 1] © IMAGO / United Archives Sven Simon Archive

Auf dem Platz gewinnt Deutschland zu zehnt gegen zehn mit 2:1. Jürgen Klinsmann trifft in der 50. Minute, Andreas Brehme in der 84. Minute. Ronald Koeman verkürzt vier Minuten später per Elfmeter. Völler fehlt im Viertelfinale gesperrt. Drei Spiele später ist Deutschland Weltmeister.

Sechs Jahre später sitzen Völler und Rijkaard im Bademantel am Frühstückstisch

Szenenwechsel. 1996.

Das Bild könnte kaum gegensätzlicher sein: keine Nationaltrikots, kein grüner Rasen. Stattdessen sitzen zwei Männer in weißen Bademänteln an einem gedeckten Frühstückstisch. Vor ihnen: niederländische Butter.

Es sind Frank Rijkaard und Rudi Völler.

Aus den Gegenspielern von Mailand werden Werbepartner. Der Slogan der Kampagne:

„Mit echter Butter bekommen Sie jeden an die gemeinsame Tafel.“

Die Werbung dreht den Abend von Mailand mit Selbstironie um: Aus der Konfrontation auf dem Rasen wird demonstrative Harmonie am Frühstückstisch.

Die Versöhnung beginnt allerdings nicht erst mit der Kampagne. Nach eigener Darstellung entschuldigt sich Rijkaard bereits unmittelbar nach dem WM-Spiel bei Völler. 1996 greift er die Geschichte in einem offenen Brief im Magazin „Sports live“ noch einmal auf. Darin erklärt er seinen Aussetzer mit persönlichen Problemen: Er sei besonders gereizt in die Partie gegangen. Zugleich widerspricht er der Behauptung, Völler habe ihn vor der ersten Spuckattacke beschimpft. Weder Völler noch er, schreibt Rijkaard, hätten es verdient, ihr ganzes Leben an den Vorfall erinnert zu werden.

Mit der gemeinsamen Werbung wird die Versöhnung schließlich öffentlich inszeniert. Beide hätten wieder ein normales Verhältnis haben wollen. Danach sei „alles in Butter“. Die Gage aus der Werbung ging nach Völlers Aussage an die Deutsche Mexikohilfe.

Warum die Spucke bis heute klebt

Auf Mailand reduzieren lässt sich keiner der beiden. Rijkaard wird mit den Niederlanden Europameister und gewinnt als Spieler mit der AC Milan zweimal den Europapokal der Landesmeister sowie mit Ajax die Champions League. Später gewinnt er den Wettbewerb auch als Trainer des FC Barcelona. Völler wird mit Deutschland Weltmeister und gewinnt mit Olympique Marseille die Champions League. 2002 führt er Deutschland als Teamchef ins WM-Finale.

36 Jahre nach dem Eklat von Mailand treffen Deutschland und die Niederlande am 24. September in der Nations League in Amsterdam wieder aufeinander. Eigentlich sollte die Mannschaft dort in der Neuauflage des grünen adidas-Auswärtstrikots jener WM auflaufen. Getragen hat sie das Original damals allerdings nicht gegen die Niederlande, sondern im Halbfinale gegen England. Nun spielt Deutschland in Schwarz – im letzten Trikot von adidas.

Völler und Rijkaard haben den Konflikt längst beigelegt – und das nicht erst am Frühstückstisch. Das Bild von 1990 ist dennoch geblieben.

Über den Autor
Adrian Kühnel
Gründer und Herausgeber
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