Dauerwelle, Schnurrbart, Vokuhila: Was vor vier Jahrzehnten Alltag war, kehrt 2026 auf den Rasen zurück. Doch ähnliche Looks erzählen heute eine andere Geschichte. Warum Fußballer wieder aussehen wie ihre Vorgänger.
Im Juli verkündete der italienische Serie-A-Aufsteiger AC Monza den Transfer von Ricardo Mangas, sportlich eine Randnotiz: eine Leihe, ein Linksverteidiger. Dass die Personalie trotzdem über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fand, hatte mit Fußball wenig zu tun, sondern vielmehr mit seinem Erscheinungsbild: Mangas trägt einen lockigen Vokuhila, dazu einen Schnurrbart.
Monzas Social-Media-Kanal inszenierte die Transfermeldung mit roter Neon-Typografie, deutlich an den Schriftzug der Streamingserie Stranger Things angelehnt, darunter ein Porträt in Untersicht vor blauem Himmel.
Mangas sieht dabei aus, als hätte ihn jemand vor 40 Jahren fotografiert – nur dass das Foto nicht aus dem Archiv stammt, sondern von heute.
Fans verglichen den Portugiesen, zuvor bei Sporting Lissabon aktiv, in den Kommentaren mit allem, was die Popkultur an Achtziger-Anmutung hergibt, von David Hasselhoff bis zu Kolumbiens Torwart-Legende René Higuita. Ein anderer Nutzer fragte trocken, ob Mangas wegen seiner sportlichen Qualität verpflichtet worden sei oder wegen der Likes, die sein Aussehen bringt.
Warum genügen eine Frisur und ein Bart, damit wir eine ganze Epoche erkennen? Und warum tragen plötzlich wieder Profis Looks, die wir genau mit dieser Vergangenheit verbinden?
Rudi Völler und die Fußball-Frisuren der Achtziger
Um das zu verstehen, lohnt sich zunächst der Blick zurück. Dauerwellen, Vokuhilas, Schnurrbärte und voluminöse Frisuren waren keine Erfindung des Fußballs. Sie gehörten zur Popkultur jener Jahre, waren in Musik, Film und Mode präsent und selbstverständlich auch auf dem Fußballplatz. Was wir heute als unverwechselbare Ikonografie einer vergangenen Fußballära lesen, war damals zunächst Gegenwart.

Rudi Völlers Dauerwelle war dafür beinahe exemplarisch. Sie gehörte zur Mode der Achtziger, auf dem Fußballplatz ebenso wie außerhalb. Wegen seiner vollen, lockigen und früh ergrauten Locken verpasste ihm sein Nationalmannschaftskollege Thomas Berthold scherzhaft den Spitznamen „Käthe“, die Medien machten daraus schnell „Tante Käthe“.
Wie eng diese Silhouette später mit dem deutschen Fußball jener Jahre verbunden wurde, zeigt ein Blick nach Dänemark. Dort heißt der Vokuhila bis heute „Bundesligahår“ – wörtlich „Bundesliga-Haar“. Das Dänische Sprachnævn führt die Bezeichnung darauf zurück, dass insbesondere in den Achtzigern viele deutsche Fußballer diese Frisur trugen; als prominentes Beispiel nennt es ausgerechnet Völler. Auch Carlos Valderramas Mähne oder Ruud Gullits Dreadlocks, ihre prägendsten Jahre reichten bereits in die Neunziger, wurden mit der Zeit zu Bildern, die sich kaum noch von den Spielern trennen lassen.
Paul Breitners Afro und Bart wurden in den Siebzigern Teil seines rebellischen Looks, ein Beleg, dass Erscheinungsbild schon damals mehr als bloßer Zeitgeist sein konnte. 1982 ließ er für eine Werbekampagne des Aftershave-Herstellers Pitralon seinen markanten Vollbart stutzen. Schon damals konnten Äußerlichkeiten Haltung transportieren – und schon damals ließ sich diese Haltung kommerzialisieren.

Auch die Achtziger blickten mit Fifties-Revivals und Sechziger-Anleihen in Mode und Musik zurück, doch ihre ikonischen Fußballlooks waren vor allem zeitgenössische Ästhetik.
Vier Jahrzehnte später hat sich das Verhältnis zur Vergangenheit verändert. Die Siebziger werden wiederentdeckt, die Achtziger zitiert, die Neunziger und die frühen Nullerjahre neu aufgelegt. Was damals Zeitgeist war, ist heute selbst Material für neuen Zeitgeist.
Von Héctor Bellerín über Jackson Irvine bis Ricardo Mangas: Die Rückkehr der 80s
Und so kehren auch auf dem Fußballplatz Silhouetten zurück, die lange einer anderen Zeit zu gehören schienen.
Héctor Bellerín wird seit Jahren von Modemagazinen gefeiert und lief bereits für Louis Vuitton über den Laufsteg. Ferran Torres trägt seine Haare inzwischen bis in den Nacken, nachdem noch letztes Jahr ein deutlich kürzerer Schnitt sein Erscheinungsbild bestimmte. Während der WM wurde seine Transformation, in den sozialen Medien ein vielzitierter „Glow-up“, intensiv diskutiert. Riccardo Calafiori erinnert mit seiner langen Mähne eher an das Italien der Neunziger. Jackson Irvine trägt seine Haare mal offen, mal im Zopf, mal lila gefärbt, dazu regelmäßig lackierte Fingernägel. Und Ricardo Mangas bringt mit lockigem Vokuhila und Schnurrbart die Achtziger nahezu in Reinform zurück auf den Rasen.

Das sind unterschiedliche Erscheinungsbilder aus unterschiedlichen Referenzräumen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich von jenem hochpolierten Einheitslook aus Skin Fade und Bartkontur lösen, der das Bild des Profifußballers zuletzt geprägt hat.
Einzelfälle? Möglich. Interessanter ist der kulturelle Moment, in dem sie auftauchen.
Warum Vintage-Mode auch den Fußball prägt
Vintage-Mode boomt, Secondhand-Plattformen wachsen, alte Fußballtrikots werden als Streetwear getragen. Der britischen GQ erzählte Nick Woltemade Anfang des Jahres, dass er besonders gern Vintage-Läden besuche und auch auf Vinted nach älteren Shirts suche – allerdings nicht unter seinem echten Namen.
Die Generation, die heute Profifußball spielt, bewegt sich in einer Mode- und Popkultur, in der vergangene Jahrzehnte längst wieder zum ästhetischen Fundus der Gegenwart gehören.
Dass Monza bei Mangas ausgerechnet die Ästhetik von Stranger Things aufgriff, ist deshalb mehr als ein gelungener Social-Media-Gag. Eine Serie, die selbst mit der Ästhetik der Achtziger spielt, liefert die visuelle Sprache für einen Fußballer, dessen Erscheinungsbild sofort mit derselben Epoche verbunden wird.
Ausgerechnet der Vokuhila, Mangas' Markenzeichen und einst Inbegriff verstaubter Fußball-Ästhetik, beschäftigt inzwischen sogar die Modewissenschaft. „Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem Punkt, an dem der Vokuhila wieder auftaucht und sich neu erfindet“, sagte die Modehistorikerin Frances McSherry gegenüber Northeastern Global News. Sie erklärt seine Rückkehr auch über Geschlechtercodes: Gerade weil der Schnitt Elemente von Männer- und Frauenmode verbindet, könne er subversiv wirken.
Übertragen auf den Fußball passt das zu einer Ästhetik, die sich sichtbar von lange verbreiteten Konventionen absetzt, Teil eines Zeitgeists, in dem Retro selbst wieder Gegenwart geworden ist.
Wie Héctor Bellerín und Jackson Irvine persönlichen Stil leben
Trotzdem ist 2026 nicht 1986.
Denn während viele der ikonischen Looks früher zunächst Teil ihrer jeweiligen Gegenwart waren, sprechen Fußballer heute sehr bewusst darüber, welche Rolle ihr Äußeres für sie spielt. Die Geschichten unterscheiden sich, doch zusammengenommen zeigen sie eine Verschiebung: Persönlicher Stil ist für einige Profis zu einem sichtbaren Teil ihrer Identität geworden.
Im Gespräch mit MUNDIAL führte Héctor Bellerín seinen Stil auf seine Familie und seine Jahre in London zurück. Seine Großmutter fertigte Kleidung, seine Mutter folgte ihr, zu Hause sei er von Stoffen und Materialien umgeben gewesen. Er habe schon immer ein bisschen anders sein wollen, sagte Bellerín; London habe darauf großen Einfluss gehabt.
Jackson Irvine erzählte derweil im Gespräch mit SoccerBible, wie ihm bei früheren Klubs immer wieder gesagt worden sei, er solle sich die Haare schneiden und keine farbigen Schuhe tragen. „Wäre ich mit lackierten Fingernägeln aufgetaucht, hätte man mich wahrscheinlich rausgeschmissen“, sagte er. Bei St. Pauli wurde er später mit diesem Erscheinungsbild zum Kapitän und Kultspieler.
Im selben GQ-Interview spricht Woltemade auch über sein eigenes Erscheinungsbild. „Ich glaube, wiedererkennbar zu sein, ist gut“, sagt er und verweist auf seine Größe und seine längeren Haare. Den historischen Vergleich bringt er selbst ins Gespräch: „Kennt ihr Rudi Völler? Alle vergleichen mich mit ihm.“

Das Muster dahinter ist weniger Rebellion als Selbstverständlichkeit. Nicht jeder ungewöhnliche Style ist ein Statement und nicht jeder Vokuhila eine bewusste Referenz an die Achtziger. Aber zumindest einige Profis behandeln Kleidung, Haare und Erscheinungsbild heute selbstverständlich als Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Damit verschiebt sich auch, was ein Fußballer äußerlich verkörpern kann: Lange Haare, lackierte Fingernägel oder Vintage-Kleidung stehen nicht mehr zwangsläufig im Widerspruch zum Bild des Profis. Die Rückkehr alter Ästhetiken trifft auf eine Spielergeneration mit größerem ästhetischem Spielraum.
Wenn Retro-Trikots und Fußball-Nostalgie zum Geschäft werden
Dieser Wandel endet längst nicht bei den Spielern. Sportartikelhersteller legen historische Trikots neu auf, Retro-Elemente kehren in aktuelle Designs zurück, Vereine bedienen sich für Kampagnen und Präsentationen bewusst der Bildsprache vergangener Jahrzehnte.
Dahinter steht eine größere Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die im Rückblick authentischer und weniger durchkommerzialisiert erscheint als der heutige Fußball. Ob diese Erinnerung der Realität entspricht, ist eine andere Frage. Nostalgie verklärt – gerade deshalb funktioniert sie so gut. Darin liegt die eigentliche Ironie: Ausgerechnet der moderne, hochkommerzialisierte Fußball vermarktet die Sehnsucht nach einer Zeit vor seiner heutigen Hochglanzwelt. Vergangenheit wird nicht nur erinnert, sondern neu aufgelegt, inszeniert und verkauft.
Damit kann derselbe Look 2026 vieles zugleich sein: persönliche Vorliebe, Ausdruck von Individualität, aktueller Modetrend, historische Referenz und Marketingmotiv.
Nick Woltemade und Rudi Völler: Ähnliche Looks, andere Geschichten
Wie selbstverständlich sich diese Ebenen inzwischen überlagern, zeigte sich rund um die WM. Wer „Nick Woltemade“ googelte, bekam von der Suchmaschine die Rückfrage „Meintest du: Rudi Völler?“, umgekehrt funktionierte es genauso. Google griff damit einen Vergleich auf, über den Fans bereits zuvor scherzten.
Woltemade selbst kennt die Referenz und scheint wenig dagegen zu haben. Und Völler? Nahm sie ebenfalls mit Humor. Auf einer DFB-Pressekonferenz sagte er: „Jetzt sieht er mir aber nicht mehr so ähnlich, dafür ist es bei mir ein bisschen dünner geworden oben. Aber mit früher kann man sicher eine gewisse Ähnlichkeit herstellen.“
Darin verdichtet sich der Unterschied zwischen damals und heute. Völlers Dauerwelle war in den Achtzigern Teil der zeitgenössischen Ästhetik. Woltemades Erscheinungsbild wirkt vier Jahrzehnte später auch deshalb sofort vertraut, weil Völler und seine Generation diese Silhouette längst mit Bedeutung aufgeladen haben.
Wer heute mit Vokuhila, langer Mähne oder Schnurrbart aufläuft, bewegt sich deshalb in einem anderen kulturellen Raum. Man kann einen Mullet tragen, weil er gerade wieder modisch ist – und trotzdem Bilder von Fußballern hervorrufen, die ihn trugen, als er noch nicht retro war.
Ob daraus ein echtes 80s-Revival im Fußball wird oder die auffälligen Köpfe der Gegenwart eine stilprägende Minderheit bleiben, lässt sich noch nicht sagen. Vielleicht verschwindet der Vokuhila wieder. Vielleicht löst der nächste Trend Schnurrbart und Mähne ab.
Vielleicht steht deshalb auch weniger der Fußball selbst vor einem Achtziger-Revival als die Kultur, deren Teil er ist. Der Fußball macht heute im Grunde wieder das, was er schon damals tat: Er spiegelt die Ästhetik seiner Gegenwart. Nur dass diese Gegenwart inzwischen ihre eigene Vergangenheit wiederentdeckt hat.







































































































































