Memphis Depay rappt seit seiner Jugend, entwirft Mode und arbeitet in Brasilien mit anderen Künstlern. Was bei ihm lange als Ablenkung vom Fußball galt, ist längst Teil seiner Identität. Über einen Fußballer, dem Fußball allein nie gereicht hat.
Am Ende steht der Parque São Jorge in Flammen.
Memphis Depay sitzt auf der Rückbank eines Autos und blickt aus dem Fenster. Hinter ihm brennt der historische Vereinssitz von Corinthians. Dann endet das Musikvideo zu seinem neuen Song „Don't Panic“.
Drei Tage zuvor gibt Corinthians bekannt, Memphis' Vertrag bis Juli 2028 zu verlängern. Damit enden monatelange Verhandlungen, die wenige Tage zuvor noch gescheitert scheinen. Am 11. August hatte der Klub erklärt, den Vertrag aus finanziellen Gründen nicht verlängern zu wollen. Memphis widerspricht öffentlich. Schließlich finden beide Seiten doch zusammen. Memphis akzeptiert dabei erhebliche finanzielle Zugeständnisse.
Am 21. August erscheint „Don't Panic“. Memphis verarbeitet darin auch den Konflikt um seinen Vertrag und singt von einem Vizepräsidenten, der nun sein Feind sei. Das brennende Vereinsgelände sorgt zusätzlich für Ärger. Corinthians verhängt daraufhin eine interne Geldstrafe.
Am 22. August reagiert Memphis auf X. Er habe „Don't Panic“ bereits rund vier Monate zuvor geschrieben. Als Künstler nutze er seinen Stift, um Gefühle, Träume oder Albträume auszudrücken. Zugleich stellt er klar, gegen jede Form von Gewalt zu sein, und hofft auf einen friedlichen Verlauf des für denselben Tag angekündigten Fanprotests. Der findet später tatsächlich friedlich statt und richtet sich vor allem gegen die Führung von Corinthians. An seiner Interpretation des Videos hält Memphis fest: Es sei Kunst.
Das ist ein Wort, das bei Memphis wichtig ist.
Musik begleitet ihn, seit er ein Teenager ist. Später kommt seine Beschäftigung mit Mode hinzu. Er veröffentlicht Songs und Musikvideos und arbeitet mit anderen Künstlern.
Diese Seite von Memphis ist nicht erst später entstanden. Sie läuft seit Jahren parallel dazu.
Und lange galt genau das als Problem.
Warum Memphis Depay bei Manchester United aneckte
Als Manchester United Memphis im Sommer 2015 von PSV Eindhoven verpflichtet, kommt einer der begehrtesten jungen Angreifer Europas nach England. Er ist 21, gerade niederländischer Meister geworden und mit 22 Toren Torschützenkönig der Eredivisie.
Auf seinem Trikot steht zu diesem Zeitpunkt längst nur Memphis. Den Nachnamen Depay trägt er dort bewusst nicht. Schon als Jugendlicher erklärt er, wegen der schwierigen Beziehung zu seinem Vater nicht mit dessen Namen spielen zu wollen.
Musik macht Memphis ebenfalls bereits. Als Teenager rappt er auf dem Weg zum Training; mit 15, erzählt er später, geht er ins Studio eines Freundes.
Bei United bekommt er die Nummer 7, die vor ihm unter anderem George Best, Eric Cantona, David Beckham und Cristiano Ronaldo getragen haben. Nach einem vielversprechenden Start kann Memphis die Erwartungen jedoch nicht erfüllen. In 33 Premier-League-Spielen erzielt er zwei Tore.

Je weniger über seine Tore gesprochen werden kann, desto interessanter wird sein Leben außerhalb des Platzes.
2015 erscheint Memphis bei der niederländischen Nationalmannschaft mit Hut und langem Schal. Der niederländische Fußballtrainer Co Adriaanse vergleicht ihn daraufhin mit einem peruanischen Panflötenspieler und sagt, Memphis müsse in seinem Auftreten korrigiert werden.
Eine der bekanntesten Geschichten aus dieser Zeit erzählt Wayne Rooney Jahre später. Nach einer schwachen Leistung habe er Memphis geraten, bei einem Spiel der Reservemannschaft möglichst unauffällig aufzutreten. Memphis sei im Rolls-Royce vorgefahren, mit Lederjacke und Cowboyhut.
Solche Episoden werden Teil der Erzählung über sein Scheitern in Manchester. Ob sein Kleidungsstil oder seine Interessen außerhalb des Platzes tatsächlich etwas mit seinen Leistungen zu tun hatten, lässt sich daraus nicht ableiten.
Rückblickend beschreibt Memphis ein anderes Problem. 2018 erzählt er Canal+, er habe in Manchester versucht, jemand anderes zu sein und sei damals nicht glücklich mit sich selbst gewesen.
Seine Schlussfolgerung: „Ich kann niemand anderes sein als Memphis.“
In Lyon beginnt er, diesen Satz mit Leben zu füllen.
Wie Memphis Depay in Lyon Fußball und Musik verband
Olympique Lyon verpflichtet Memphis im Januar 2017. Er bleibt viereinhalb Jahre, erzielt in 178 Pflichtspielen 76 Tore, bereitet 55 weitere vor und übernimmt die Kapitänsbinde. 2020 erreicht Lyon mit ihm das Halbfinale der Champions League.
Parallel veröffentlicht Memphis weiter Musik. 2017 erscheint „LA Vibes“, weitere Songs folgen. 2020 bringt er die neun Tracks umfassende EP Heavy Stepper heraus.
Gerade deshalb sind die Lyon-Jahre für seine Geschichte interessant. Seine Interessen außerhalb des Fußballs verschwinden nicht, damit er sportlich wieder funktioniert. Beides existiert nebeneinander.
Auch auf dem Platz entwickelt Memphis ein stärkeres Selbstverständnis als öffentliche Figur. Nach einem Champions-League-Spiel gegen RB Leipzig im Dezember 2019 zeigt ein Lyon-Anhänger ein beleidigendes Banner gegen Verteidiger Marcelo. Memphis läuft zu ihm und versucht, das Banner zu entfernen. Anschließend kritisiert er Teile der eigenen Fans öffentlich. Trainer Rudi Garcia stellt sich hinter seinen Kapitän und bezeichnet dessen Verhalten als das eines „echten Kapitäns“.
Dass Memphis auch in Lyon aneckt, gehört zur Geschichte. Nach seinem Abschied kritisiert Sportdirektor Juninho, die Mannschaft habe sich aus seiner Sicht zu stark um Memphis gedreht, und bemängelt dessen Arbeit gegen den Ball. Persönlich, betont Juninho, habe er ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt.
Der Unterschied zu Manchester liegt weniger darin, dass plötzlich jeder Memphis versteht. Er liegt auf dem Platz: Seine Musik, sein Auftreten und seine Interessen existieren weiter, während er über Jahre zu den wichtigsten Spielern seiner Mannschaft gehört.
2021 wechselt Memphis zum FC Barcelona. Nach eineinhalb Jahren zieht er weiter zu Atlético Madrid, 2024 verlässt er Europa.
Kurz zuvor kommt ein Accessoire hinzu, das bis heute zu Memphis' Erscheinungsbild gehört.
Kurz vor der Europameisterschaft läuft er erstmals mit einem weißen Stirnband auf. Der Look entfacht eine Debatte in den Niederlanden. Wieder wird darüber diskutiert, warum Memphis überhaupt mit einem Stirnband spielt und warum sein Auftreten abseits des eigentlichen Spiels so viel Aufmerksamkeit bekommt.
Memphis erklärt damals, das Stirnband halte ihm den Schweiß fern, außerdem gefalle es ihm. Zum EM-Auftakt gegen Polen trägt er schließlich eine weiße Variante mit der Aufschrift WHO CARES – offenbar eine Reaktion auf genau diese Diskussion.

Memphis legt das Stirnband danach nicht wieder ab. Es wird zu einem festen Bestandteil seines Looks, den er immer wieder variiert: mal weiß, mal schwarz, mit unterschiedlichen Stickereien oder seiner Nummer 10. Später läuft er sogar mit maßgefertigten Stirnbändern der Luxusmarke Chrome Hearts auf.
Für seine Entwicklung abseits des Platzes wird anschließend ein anderer Ort wichtiger.
Wie Brasilien in Memphis Depays Musik einfließt
Im September 2024 unterschreibt Memphis bei Corinthians.
Der Wechsel eines damals 30-jährigen niederländischen Nationalspielers aus Europas Spitzenfußball nach São Paulo ist schon sportlich ungewöhnlich. Für Memphis bedeutet Brasilien aber auch den Eintritt in eine neue kulturelle Umgebung.
Im Interview mit Hypebeast, erschienen im Juni 2026, beschreibt er den Wechsel selbst als eine Art „Detox“ von Europa. Außerdem fühle sich Brasilien inzwischen wie Zuhause an.
Das zeigt sich auch in seiner Musik.
In São Paulo lernt Memphis MC Hariel kennen. Sie gehen gemeinsam ins Studio und nehmen an einem Abend drei Songs auf. Memphis beginnt, portugiesische Passagen einzubauen. Aus der Zusammenarbeit entsteht die EP Falando com as Favelas. Für das dazugehörige visuelle Material wird in Brasilien und Ghana gedreht. Ghana ist für Memphis kein beliebiger Drehort: Er hat ghanaische Wurzeln, bezeichnet sich selbst als Ashanti und pflegt eine persönliche Verbindung zum Land. Memphis erklärt später, damit die Verbindungen beider Orte aufgreifen zu wollen.
Brasilien wird damit nicht bloß zum Ort, an dem Memphis seine Fußballkarriere fortsetzt. Das Land fließt in seine Musik ein.
Und die wiederum ist für ihn längst mehr als eine Beschäftigung zwischen zwei Trainingseinheiten.
Im Juni 2026 erklärt Memphis Hypebeast, Musik habe sich für ihn über die Jahre zu einer Form von Therapie entwickelt. Sie gebe ihm die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die er als Athlet in Interviews nicht auf dieselbe Weise sagen könne, ohne sich selbst zu schaden. Er investiere inzwischen viele Stunden und eigenes Geld in Studio-Sessions und Videos.
Dann sagt er einen Satz, der seine Karriere beinahe besser beschreibt als jede Berufsbezeichnung:
„Nur Fußball zu spielen, das ist nichts für mich.“
Memphis spricht im selben Interview über Mode und seine Vorstellung vom Leben nach der aktiven Karriere. Er könne sich vorstellen, eines Tages als Creative Director zu arbeiten. Mode bezeichnet er als kreative Gewohnheit, die schon lange Teil seines Lebens sei. 2020 gründet er mit Memphis Depay Clothing (MDC) ein eigenes Modelabel. Dessen Sublabel BADTTW – „Blind and Deaf to the World“ – geht auf seinen Torjubel mit den Fingern in den Ohren zurück.
Wie sich der Blick auf Memphis Depay verändert hat
Interessant ist daran auch, wie anders der Fußball inzwischen auf einen Spieler wie Memphis blickt.
2015 können ein Hut, ein Schal oder ein Rolls-Royce zum Anlass werden, über seine Professionalität zu diskutieren. 2024 wird noch über sein Stirnband gesprochen. Elf Jahre nach Manchester setzt Hypebeast Memphis gerade wegen der Verbindung aus Fußball, Musik und Mode auf ein Digital Cover und präsentiert ihn schon in der Unterzeile als „Footballer, rapper, designer“.
Er hat diese Verbindung nicht erfunden. Fußballer machten lange vor ihm Musik und beschäftigten sich mit Mode. Memphis gehört aber zu den Spielern, an deren Karriere sich über Jahre beobachten lässt, wie sich die Bewertung solcher Interessen verändert hat.
Das merkt er selbst.

Im Hypebeast-Interview erinnert Memphis sich daran, wie ein Trainer früher in einer Pressekonferenz nach seiner Musik gefragt worden sei und sinngemäß vermittelt habe, er müsse sich entscheiden. Heute, sagt Memphis, seien solche Interessen akzeptierter; vor zehn Jahren habe es dafür vor allem Gegenwind gegeben.
Das Digital Cover selbst ist ein gutes Beispiel. Dort muss Memphis seine verschiedenen Rollen nicht gegeneinander verteidigen. Fußballer, Musiker und Modefigur stehen nebeneinander.
Nur bedeutet Akzeptanz nicht, dass alles, was daraus entsteht, automatisch akzeptiert werden muss.
Warum Memphis Depays Musik bei Corinthians zum Konflikt wird
Genau deshalb ist „Don't Panic“ für diese Geschichte interessanter als ein weiteres Musikprojekt von Memphis.
Wenige Monate vor der Veröffentlichung hat er erklärt, Musik gebe ihm die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die er innerhalb des Fußballs nicht auf dieselbe Weise sagen könne.
Nun tut er genau das.
Der Konflikt mit Corinthians bleibt nicht bei Vertragsverhandlungen. Er landet in einem Song. Memphis singt von einem Vizepräsidenten, der nun sein Feind sei. Corinthians wertet das Video als Verstoß gegen seine Verpflichtungen gegenüber dem Klub und sanktioniert ihn intern.
In seiner Reaktion stellt Memphis zwei Dinge nebeneinander: seine Liebe zu Corinthians und seinen Anspruch, den vorausgegangenen Konflikt als Künstler verarbeiten zu dürfen.
Als Hypebeast ihn im Juni fragt, wie die Menschen in zehn oder zwanzig Jahren auf seine Karriere zurückblicken sollen, spricht Memphis über seinen Torrekord für die niederländische Nationalmannschaft und darüber, dass auch dieser irgendwann gebrochen werden könne. Bleiben solle die Erinnerung an jemanden, der seinen eigenen Stil eingebracht und sich selbst treu geblieben sei.
Über Jahre wurde darüber diskutiert, ob Memphis sich zu sehr mit Dingen beschäftigte, die nichts mit Fußball zu tun hatten. Heute muss er kaum noch erklären, warum er Musik macht.
Bei Corinthians geht es inzwischen um etwas anderes: was er darin sagt.







































































































































