Fotografen wie Florence Pernet, Clément Simon und Lukas Korschan zeigen, dass außergewöhnliche Fußballbilder auch fernab des Spielfeldrands entstehen können. Ihre Arbeiten zwischen Fernsehübertragungen und Videospielen werfen eine Frage auf: Wo beginnt Sportfotografie?
Für seine Fotos aus EA Sports FC 27 brauchte Clément Simon keine Kamera. EA Sports hatte den Fotografen gebeten, auf sie zu verzichten, und so entstand jede seiner Aufnahmen im Fotomodus des Spiels.
Wenige Monate zuvor war Florence Pernet einen anderen Weg gegangen. Die Pariser Sportfotografin verfolgte die WM 2026 vor dem Fernseher, fotografierte die Übertragungen direkt vom Bildschirm ab und teilte die Bilder auf ihrem Instagram-Account. Als ihre Aufnahmen viral gingen, veröffentlichte die portugiesische Nationalmannschaft gemeinsam mit ihr einen Instagram-Beitrag mit mehreren ihrer Bilder, darunter Fotos von Cristiano Ronaldo.
Wie Florence Pernet die WM 2026 vom Fernseher fotografierte
Pernet zoomte so nah an das Bild heran, dass die Pixel des Bildschirms sichtbar wurden. Mit langen Belichtungszeiten ließ sie Bewegungen verschwimmen, anschließend bearbeitete sie die Farben kräftig.
Bald kursierte die Behauptung, man habe Pernet die WM-Akkreditierung verweigert und sie fotografiere deshalb vom Fernseher. Beworben hatte sie sich nach eigener Aussage gar nicht. Zugleich hielten viele sie für die Urheberin der Fernsehbilder, die Michael Olise während des Turniers auf seinem Instagram-Account veröffentlichte.
Die Bilder stammten von Lukas Korschan, wie Pernet selbst in ihrer Instagram-Story klarstellte. Für seine Aufnahmen verwendete der deutsche Fotograf denselben Fernseher, auf dem er als Kind die WM 1998 in Frankreich verfolgt hatte.
Noch während des Turniers richteten weitere Fotografen ihre Kameras auf den Fernseher. Unschärfe und Bildrauschen, die in der Sportfotografie sonst als Fehler gelten, wurden zum Stilmittel. Unumstritten war das nicht: Im Netz wurde darüber gestritten, ob man fremde Fernsehbilder einfach abfotografieren darf.
Florence Pernet und EA Sports FC 27: Fotografieren wie bei einem echten Spiel
Bereits 2025 hatte Pernet innerhalb von FC 26 fotografiert. Die Fußballspielreihe, die bis 2023 FIFA hieß, begleitet sie nach eigener Aussage seit ihrem sechsten Lebensjahr. Als EA Sports sie bat, FC 27 schon vor der Veröffentlichung zu fotografieren, war das für sie „wie ein Kindheitstraum, der wahr wird“. Dabei wollte Pernet nach eigenen Worten genauso vorgehen wie bei einem echten Fußballspiel, bis hin zur Bearbeitung jedes einzelnen Bildes.
Bei der WM hatte sie die Übertragungen realer Spiele abfotografiert. In FC 27 fotografierte sie Spielszenen, die es außerhalb des Videospiels nicht gibt.
Harry Gruyaert fotografierte schon 1972 Sport vom Fernseher
Neu ist die Idee der Fernsehfotografie nicht: Anfang der 1970er-Jahre lebte der belgische Fotograf Harry Gruyaert in London und besaß einen Fernseher, den er selbst „verrückt“ nannte. Er spielte so lange an Antenne und Reglern, bis das Bild in ungewöhnlichen Farben flimmerte. Monatelang fotografierte er auf diese Weise Nachrichten, Fernsehserien und Werbung, 1972 auch die Olympischen Spiele in München. Die Aufnahmen gehören zu seiner Serie TV Shots.
Einen Videorekorder hatte Gruyaert nicht, keine Sendung ließ sich anhalten oder zurückspulen. Er fotografierte live, manchmal mit der Kamera dicht am Bildschirm, um ungewohnte Ausschnitte zu finden – eine Arbeit, die ihn an Straßenfotografie erinnerte. Als die Serie 1974 in Paris ausgestellt wurde, löste auch sie Kontroversen aus.
Korschan bezog sich mit seinen WM-Bildern für Olise ausdrücklich auf TV Shots. Pernet nannte als Inspiration den Fotografen Matthew Johnson, der schon vor ihr in seiner Serie Screen Time vom Fernseher fotografiert hatte.
Ein gutes Bild sei „eine Art kleines Wunder, das entsteht, wenn man empfänglich und konzentriert ist“, sagte Gruyaert über seine Arbeit. Pernet fand solche Momente vor ihrem Fernseher und in einem Videospiel, Korschan vor dem Fernseher seiner Kindheit, Simon im Fotomodus von FC 27. Was sie eint, ist der Blick für das richtige Bild, auch dort, wo andere nur zuschauen oder spielen.



































